Der Hauptmann von Köpenick
nach dem Bühnenstück von Carl Zuckmayer
Farbe
Uraufführung am 16.08.1956 im UFA-Palast, Köln
Produktion    Real
Regie            Helmut Käutner
Drehbuch      Carl Zuckmayer & Helmut Käutner
Musik           Bernhard Eichhorn
Darsteller      Heinz Rühmann (Wilhelm Voigt)
                     Hannelore Schroth (Mathilde Obermüller)
                     Martin Held (Bürgermeister Dr. Obermüller)
                     Erich Schellow (Hauptmann von Schletthow)
                     Ilse Fürstenberg (Marie Hoprecht)
                     Walter Giller (Willy Wormser)
                     Maria Sebaldt (Auguste Viktoria Wormser)
                     Friedrich Domin (Zuchthausdirektor)
                     Ethel Reschke (Pleureusenmieze)
                     Joseph Offenbach (Wabschke)
                     Wolfgang Neuss (Kalle Kallenberg)
                     Bum Krüger (Schutzmann Kilian)
                     Willi Rose
                     Reinhard Koldehoff
                     Otto Wernicke 
                     Siegfried Lowitz 
                     Willy Maertens
Heinz Rühmann in seiner herrlichen Glanzrolle als tragikomischer Schuster Wilhelm Voigt, der in Uniform viel Aufsehen erregt und Verwirrung stiftet.
Der Schuster Voigt, der sich im Gefängnis vorbildlich verhalten hat, wird entlassen. Aber in der Freiheit kommt er in einen Teufelskreis: ohne Arbeit keine Papiere, ohne Papiere keine Arbeit. Schließlich kauft er bei einem Trödler eine alte Hauptmannsuniform, nimmt eine Gruppe von Soldaten unter sein Kommando und besetzt das Rathaus von Köpenick, in der Hoffnung, so die notwendigen Papiere zu bekommen.
 
Die Uniform und der Schuster gehen ihren Weg - und beide nach unten: Am Anfang des Films wird sie beim Hofschneider einem Hauptmann angemessen. Da dieser den Dienst quittieren muß, wird sie im gleichen Salon dem Oberbürgermeister von Köpenick und Oberleutnant der Reserve Obermüller aufgeschwätzt. Beim eiligen Anziehen reißt seine Frau ein Loch hinein, und nun landet sie beim Schneider und wird geflickt von Fräulein Wormser zum Ball getragen und mit Sekt begossen. Nun ist der Weg zum Trödler nicht mehr weit. 
Und so ergeht es dem Schuster Voigt: Er hat zwar eine kurze Bleibe beim Schwager Hoprecht und scheint ins bürgerliche Leben zurückgefunden zu haben, wird aber erneut der Heimat verwiesen. Nach Lieskens Tod hält ihn nichts mehr und es treibt ihn vor das Schaufenster vom Trödler, und auf dem gemeinsamen Tiefpunkt vermählen sie sich: die Uniform und der Schuster.
 
Carl Zuckmayers Stück ist wohl eines der bedeutensten deutschen literarischen Werke, und Helmuth Käutners Film steht auf der Höhe des Stückes. Die Anklage des bürokratischen Staates, der mit seinen eigenen Regeln dem Ehrlichen keine Chance gibt, aber von einem Schelm geschlagen werden kann, ist perfekt geschrieben und inszeniert.
Heinz Rühmanns Darstellung dieser ernsten Rolle trägt maßgeblich zum Niveau dieses Filmes bei. Wer je an seiner Fähigkeit zu ernsten Rollen zweifelte, muß sich von diesem Film überzeugen lassen. Seine Szene, in der er dem sterbenskranken Mädchen Liesken aus Grimms Märchen "Die Bremer Stadtmusikanten" vorliest, ist einer der Höhepunkte der Schauspielkunst.
Die Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit, die sich am 16. Oktober 1906 zugetragen hat und den 57jährigen Schuster Wilhelm Voigt weitere vier Jahre Gefängnis kostete. Nach kurzer Gefängnishaft wurde er aber vom Kaiser begnadigt, reiste durch die deutschen Städte und signierte Postkarten mit seinem Bild in Uniform.
 
Drei (Stumm)Filme entstehen unmittelbar nach dem Streich, in einem vierten - Der Hauptmann begnadigt (1908) - spielt Voigt selbst die Titelrolle. Der wird allerdings von der Zensur verboten.
 
Die "Berliner Illustrirte" über den Schuster Wilhelm Voigt 1906:
Und sitzt du jetzt auch in der Zelle Duster
vielleicht ein Trost dir's in der Trauer ist:
Du hast der Welt gezeigt, daß auch ein Schuster
was machen konnte, was von Dauer ist!
 
Carl Zuckmayer schrieb das Theaterstück 1930 als "ein deutsches Märchen in drei Akten". Es wurde am 5. März 1931 im Deutschen Theater unter Heinz Hilperts Regie uraufgeführt. Die Aufführungen liefen dann in ganz Deutschland bis zum Ende Januar 1933.
 
Carl Zuckmayer über das Stück:
Das war mein Eulenspiegel, der arme Teufel, der - durch die Not helle geworden - einer Zeit und einem Volk die Wahrheit exemplifiziert. Denn wenn auch die Geschichte mehr als zwanzig Jahre zurücklag, so war sie gerade in diesem Augenblick, im Jahre 1930, in dem die Nationalsozialisten als zweitstärkste Partei in den Reichstag einzogen und die Nation in einen neuen Uniformtaumel versetzten, wieder ein Spiegelbild, ein Eulenspiegelbild des Unfuges und der Gefahren, die in Deutschland heranwuchsen - aber auch der Hoffnung, sie wie der umgetriebene Schuster durch Mutterwitz und menschliche Einsicht zu überwinden.
 
Carl Zuckmayer über den Film:
Rühmann, unter Käutners glänzender Regie, gab dem preußischen Eulenspiegel im Wilhelm Voigt sein volles Recht und seine tiefere Bedeutung: Lachen und Weinen waren ja immer ganz nah beisammen. Wenn er, nach gelungener "Köpenickiade" auf der Treppe des Rathauses die Soldaten entläßt: "Für jeden Mann ein Bier und eine Bockwurst" - eine der komischsten Stellen der Handlung - geht eine so fundamentale Traurigkeit von ihm aus, daß man sich der Vergeblichkeit aller Flucht des Menschen vor seinem Schicksal schaudernd bewußt wird.
Aus Heinz Rühmanns Erinnerungen über die Dreharbeiten:
Als wir die Szene mit dem sterbenden Liesken, dem ich aus Grimms Märchen vorlese, beendet hatten, war es erst drei Uhr nachmittags. Ich erwartete jeden Moment den Umzug in eine andere Dekoration zur Weiterarbeit. Aber es blieb still im Studio, niemand rührte sich, dann sagte er (Helmut Käutner) leise: "Feierabend". In diesem Wort lag alles.
Pressekritiken:
Wie er unsicher durch die falsche Weltordnung taumelt, wie er kapituliert und erst still und dann aus der Verzweiflung heraus übermütig wird - das ist die Sternstunde in der Laufbahn dieses Schauspielers. Rühmann macht keine Faxen. Er ist im besten Sinne tragikomisch. Er ist immer da, gibt nicht nur Gesicht und Stimme her, er spielt ganz, bis in die Füße. (Der Abend, 1. Sep. 1956)
Man schaue sich Rühmann genau an, Auge in Auge sozusagen, und man wird keinen Augenblick lang an den Bruchpiloten Quax denken, man denkt an Grock, an Chaplin, an Charlie Rivel. (Die Welt 18. Aug. 1956)
Es ist die Glanzrolle für den schon totgesagten Komödianten Heinz Rühmann, seine beste Interpretation seit Jahren (Neue Ruhr Zeitung, 17. August 1956)
Mit dem Hauptmann von Köpenick wurden 1956 die Internationalen Filmfestspiele in Venedig eröffnet. Ein Jahr später lief der Film bei den Internationalen Filmfestspielen in San Francisco. Heinz Rühmann wurde mit dem "Golden Gate" als "best actor" ausgezeichnet.

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Quellennachweis:
http://www.chez.com/johannes/Ruehmann/index.htm
"Tagesschau in die Vergangenheit" von Hör Zu/Frank Lynder
Carl Zuckmayers Erinnerungen "Als wär's ein Stück von mir", erschienen im Fischer-Verlag 1966
Gregor Ball - Heinz Rühmann: Seine Filme - Sein Leben - Heyne - ISBN 3-453-86024-1
 
© 2001 Michael Knoke
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