1931, Heinz Rühmann in einem Zeitungsartikel (Cinegraph, E 2):
"Ich sehe die Aufgabe des Films darin, den von schwersten Existenzsorgen bedrückten Zeitgenossen aufzuheitern und ihn aus seiner Atmosphäre von Pessimismus und Mutlosigkeit zu befreien, indem man ihn mit frischer Hoffnung und neuer Energie vollpumpt - diesen wichtigen Waffen, mit denen man den Sieg im Kampf ums Dasein zu erringen vermag. Es müssen nicht immer Luxuskabriolets beim >Happy end< vor der Tür stehen, man ist bescheidener und zufriedener geworden. (...) Wenn man das Kino verläßt, soll man sich sagen: Das könnte ich auch schaffen."

 

Zwölf Fragen und zwölf Antworten aus Gesprächen, die Journalisten in den Jahren 1979 bis 1994 mit Heinz Rühmann führen konnten.
 
Sie haben in Ihrem Leben viele Schicksalsschläge hinnehmen müssen. Was gibt Ihnen die Kraft, immer wieder aufzustehen und weiterzumachen?
 
Meine Überzeugung, daß wir für unser Weiterleben nicht allein verantwortlich sind. Wir müssen uns den Aufgaben des Lebens stellen und das Selbstmitleid fallenlassen.

 

Welchen anderen Beruf hätten Sie sich vorstellen können, wenn Sie nicht Schauspieler geworden wären?
 
Ich wäre gern Arzt geworden, auf dem Land, wo man Leuten direkt helfen kann. Aber ich habe ja kein Abitur gemacht - dabei war ich ein sehr guter Schüler.

 

Warum genießen Sie es nicht einfach, Heinz Rühmann zu sein?
 
Früher habe ich mich ... ganz gern anschauen lassen. Heute suche ich die Einsamkeit, das Alleinsein. Ich kann in Hamburg nicht auf den Fischmarkt gehen, was ich so gern mal täte. Ich kann keine Hafenrundfahrt mit anderen Leuten unternehmen. Kürzlich wurde ich zum Oktoberfest eingeladen. Die Leute sagten: Sie können doch irgendeine Maske machen und sich ganz an den Rand setzen. Aber warum soll ich dann überhaupt erst hingehen? Dabei bin ich gar nicht so ungesellig, wie man immer denkt. Auf meinen einsamen Spaziergängen spreche ich manchmal sogar einen anderen Spaziergänger an, weil er vielleicht einfach nett gegrüßt hat.

 

Glauben Sie, daß Schicksalsschläge für eine menschliche und künstlerische Entwicklung notwendig sind?
 
Das glaube ich. Ich habe früher über viele Dinge nicht nachgedacht, das war nicht meine Art.
Heute sehe ich manches ganz anders. Und ich spüre, daß ich gerade aus den Tiefen meines Lebens heraus diese starke Entwicklung erfahren habe, die sonst möglicherweise ausgeblieben wäre. Ich spiele jetzt auch anders Theater, spüre es jeden Abend, daß alles runder geworden ist, daß mir Mittel zur Verfügung stehen,
die ich früher nicht besaß.
Jetzt fliegt mir alles so leicht zu.
Die Mimik wird ja nicht geboren, indem man das Gesicht verzieht, sondern aus dem Gefühl heraus.
Manchmal, wenn das Lachen im Parkett verstummt, wenn es ganz still wird und ich die Menschen führen kann - aus dem Lachen heraus in ein Schweigen -, dann fühle ich mich glücklich.

 

Sind Ihnen Bücher wichtig - und welche Bücher lesen Sie?
 
Endlich komme ich dazu! Jetzt im Alter tauchen doch Fragen auf, über die man, außer mit ein paar Menschen, die einem nahe sind, nicht sprechen kann. Da gibt es eben Bücher, in denen man sich eine Antwort holen kann. Ich habe Bücher, die man nicht nur lesen kann, sondern an denen man arbeitet.
Sie sind schwierig, keine Unterhaltung, man muß sie sich erarbeiten. Dazu treffe ich mich mit einem bestimmten kleinen Personenkreis. Ein Beispiel hierzu ist das Buch des Dalai Lama über das Schicksal seines Landes.
Was da vorgefallen ist, hat mich persönlich zutiefst erschüttert.

 

Haben Sie es je bereut, diesen Schauspielerberuf ergriffen zu haben?
 
Nein, nie. Es ist ja auch im Laufe der Jahre immer schöner geworden. Ich bekomme so wunderbare Briefe, die Menschen haben ein solches Vertrauen zu mir! Sie machen mich zum Mitwisser ihres Lebens. Ich bin ja auch mit ihnen alt geworden...

 

Sind Sie ein schwieriger Mensch und Künstler?
 
Nicht schwieriger als jeder von uns. Und dann diese Mär, ich sei im Atelier ein Diktator ... Ich habe nur eine anspruchsvolle Art. Der Tag ist zu kurz, um ihn mit Blabla auf Partys zu verbringen. Schade für alles, was nicht nützt!

 

Was lieben und was hassen Sie an anderen Menschen?
 
Ich mag nichts weniger als Oberflächlichkeit, eben dieses Blabla, das auf Partys geredet wird. Und ich mag es, wenn Menschen Verstand haben, wenn sie die Dinge natürlich sehen, nicht verschroben sind oder über Intelligenz verfügen. Daß ich sie nach etwas fragen kann, was ich selbst nicht weiß, und daß ich dann eine gescheite Antwort bekomme. Ich gebe gern zu, daß ich manche Themen und Dinge nicht beherrsche, und ich möchte mich da - so komisch es klingt - weiterbilden. Ich möchte noch so vieles wissen, ehe ich eines Tages abtrete.

 

In welchem Jahrhundert hätten Sie lieber als heute gelebt?
 
Ich bin von Hause aus ein Romantiker - deswegen hätte ich gern zur Zeit Mozarts gelebt. Oder auch im Mittelalter.
Ich hätte gern auf einer Burg gelebt und in einer Postkutsche große Reisen unternommen.

 

Angenommen, Sie wüßten heute schon Ihren genauen Todestag: Was würden Sie in Ihrem Leben ändern?
 
Gar nichts, denn ich erwarte meinen Tod ja jederzeit. Es gibt ein schönes Gedicht, darin heißt es: Die Tür des Todes steht immer offen. Der Tod wäre also für mich keine große Überraschung.

 

Berührt Sie der Tod mancher Kollegen?
 
Ja, er berührt mich. Es wird ja immer einsamer um mich, was den Kollegenkreis betrifft. Und doch: Vielleicht ist der Mensch eines Tages soweit, daß der Tod seinen Schrecken verliert. Er gehört doch im Grunde dazu. Und ich kann mir nicht vorstellen, daß wir für die achtzig Jahre auf die Welt gekommen sind, die wir bestenfalls zu leben haben. Dafür können Gehirn, Seele, die menschliche Substanz doch nicht entstanden sein. Dieser ganze komplizierte Mensch, für ein einziges kurzes Leben? Nein, das wäre zu wenig.

 

Sie glauben also daran, daß der Mensch nach seinem Tod in irgendeiner Form weiterexistiert?
 
Ich bin überzeugt, daß es ein Weiterleben nach dem Tode gibt. Ich glaube, daß der Mensch viele Entwicklungsstufen auf der Erde durchmachen muß. Er wird so oft als Mensch wiedergeboren, bis er geistig und seelisch vollkommen ist. Das ist keine Spinnerei. Ich bin sogar ein gläubiger Mensch, wenngleich ich nur noch selten in die Kirche gehe, weil mir manche Predigten einfach zu pathetisch sind.
 
Quellennachweis:
Torsten Körner - Der kleine Mann als Star - Heinz Rühmann und seine Filme der 50er Jahre - Campus Verlag, 2001, ISBN 3-593-36754-8
 "Das war Heinz Rühmann" von Hans-Ulrich Prost, Gustav Lübbe Verlag, © 1994, ISBN 3-404-61329-5
© 2004 Michael Knoke
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