HEINZ IM GLÜCK

ZUM TODE VON HEINZ RÜHMANN

Autor: Michael Wenk / Quelle: film-dienst 22/94

Wenn ein populärer Künstler stirbt, gedenken die Medien in zuweilen fragwürdigen Superlativen der Verdienste des Verstorbenen. Anders ist es mit einer posthumen Ehrung, die dem am 3. Oktober im Alter von 92 Jahren verstorbenen Schauspieler Heinz Rühmann in unzähligen Rückblicken zuteil wurde: Man hatte ihn zutreffend als Jahrhundert-Schauspieler gewürdigt. Von der ausgehenden Weimarer Republik bis in die Gegenwart war er der Begleiter, Spaßmacher und Seelentröster. Versetzten die wilden Abenteuer des "blonden Hans" Albers das Filmpublikum in atemlose Spannung, verzückte die Galanterie eines Johannes Heesters die Kinogängerinnen und rief das kauzig-griesgrämige Gebaren eines Hans Moser bei den Zuschauern schallendes Gelächter hervor, so war Heinz Rühmann der Star zum Schmunzeln, Mitfühlen und Liebhaben.

Es erscheint wie ein Treppenwitz der Kinogeschichte, dass der am 7. März 1902 in Essen geborene Sympathieträger Rühmann bei seinem (Stumm-) Filmdebüt in "Das deutsche Mutterherz" (1926) einen missratenen Sohn darstellte, der selbst vor Gewalttätigkeiten gegen die eigene Mutter nicht zurückschreckt. Doch bereits sein dritter Film, die Tonfilm-Operette "Die Drei von der Tankstelle" (1930), eröffnete dem seit 1920 an Bühnen in Breslau, Hannover, München und Berlin tätigen Rühmann erste Möglichkeiten, sein Talent als Komiker einzusetzen. Fortan war er der flinke, in allen Wechselfällen des Lebens unbeirrbare "kleine Mann" mit sonnigem Gemüt und nöliger Unbesiegbarkeit. Ein "Heinz im Glück", der auch schlimmen Momenten Positives abgewinnen konnte und dafür stets mit einem Happy End belohnt wurde.

Probleme und komische Situationen spielte Rühmann quer durch alle Alters- und Berufsgruppen. Es dürfte schwer fallen, unter den deutschen Unterhaltungsklassikern Filme zu finden, in denen Heinz Rühmann nicht mitgespielt hätte. Man erinnert sich an ihn als "Mustergatten" (1937), der sich wider Erwarten vom peniblen Bankier und Ehemann zum ausgelassenen Lebemann entwickelt. An seine Rolle als chaotischer Flugschüler "Quax, der Bruchpilot" (1941), die dem leidenschaftlichen Hobbyflieger auf den Leib geschrieben war. Und natürlich an den kecken Schüler Pfeiffer "mit drei f" in "Die Feuerzangenbowle" (1943/44). Rühmann glückte es selbst unter der Knute der Nazi-Zeit, das Gegenteil vom deutschen Untertanen darzustellen. Dabei war es sowohl die Freude am Schabernack als auch leises Aufbegehren gegen jede Art von Autorität, die Rühmann so beliebt machte. Er konnte sich auf der Leinwand fast alles erlauben und war für das in Krieg und Diktatur lebende Kinopublikum ein Symbol der Freiheit.

Nach dem Krieg brachen bittere Jahre für Rühmann an. Eine Zeit, die seine darstellerischen Möglichkeiten zwar erheblich erweitern sollte, den Menschen Heinz Rühmann hingegen verletzlich werden und gegenüber Außenstehenden unnahbar erscheinen ließ. Eine seiner härtesten Niederlagen war 1952 der Konkurs seiner (mit Alf Teichs gegründeten) Filmgesellschaft "Comedia". Teile der Presse schlachteten die Nachricht seines wirtschaftlichen Schiffbruchs genüsslich aus und schrieben auch den Schauspieler Heinz Rühmann vorübergehend auf das Abstellgleis. Als er mit "Keine Angst vor großen Tieren" (1953) ein Comeback versuchte, stellte er erneut den von seiner Umwelt geplagten "kleinen Mann" dar.

Doch während seine bisherigen Filme fast ausschließlich auf komische Effekte beim Kampf David gegen Goliath setzten, betrat ab diesem Film ein neuer Heinz Rühmann die Leinwand. Ein Schauspieler, der nicht mehr bloß mit einem Lächeln und einer dahingeworfenen Bemerkung über das ihm in der Filmhandlung widerfahrene Unrecht hinweggeht, sondern den Kummer über die ewige berufliche Zurücksetzung oder die Aggressivität seiner Umwelt in seiner ganzen Tiefe ausspielt. In solchen Momenten war es der Beschützerinstinkt, den Rühmann bei den Zuschauern ansprach. Eine Filmsituation, in der sich das Publikum für ihn wie für einen kleinen Bruder verantwortlich fühlt, so der Kritiker Friedrich Luft. Doch Rühmann wäre nicht das Vorbild, das er ist, bliebe es in seinen Filmen beim Beweinen der eigenen Situation. Sich, wie in der Filmhandlung, im realen Leben nichts gefallen zu lassen und das eigene Geschick in die Hand zu nehmen, war und ist die typische Botschaft des "Stehaufmännchens" Heinz Rühmann an sein Publikum.

Ein ähnliches inhaltliches Konzept lag "Ein Mann geht durch die Wand" (1959) zugrunde, in dem er den braven Finanzbeamten Buchsbaum spielte. Von seinem Vorgesetzten schikaniert und von den Kollegen ausgenutzt, erkennt Buchsbaum eines Abends, dass er die Fähigkeit besitzt, durch Wände zu gehen. Eine übermenschliche Fähigkeit, die es ihm ermöglicht, Menschen zu erschrecken und sich durch Einbrüche an Gütern laben zu können, die dem ehrlichen Finanzbeamten stets verwehrt geblieben waren. Schließlich siegt am Ende des Films das gute Gewissen Buchsbaums: Er hat gelernt, dass keine Wand es lohnt, um den Preis der Unehrlichkeit durchschritten zu werden, und es keiner übermenschlichen Fähigkeiten bedarf, um sich bei seiner Umwelt Respekt zu verschaffen.

Mehrfach ist Rühmann vorgeworfen worden, seine Filme bewegten sich im allzu verbindlich-bürgerlichen Rahmen, mieden die Konfrontation mit den Zeitproblemen. Zumindest letzteres ist angesichts seiner Darstellungen des "Hauptmanns von Köpenick" (1956) oder des "braven Soldaten Schwejk" (1960), die als Vertreter jener verhängnisvollen Epoche um den Ersten Weltkrieg den Militarismus anprangern, widerlegbar. Ein weiteres Beispiel ist die Simmel-Verfilmung "Mein Schulfreund" (1960). Rühmann spielte darin den Briefträger Fuchs, der während des Dritten Reichs in einem Brief an seinen einstigen Schulkameraden Hermann Göring um baldige Beendigung des Krieges bittet. Nachdem der Brief abgefangen wird, rettet Fuchs nur noch die Erklärung zum vermeintlich Unzurechnungsfähigen vor dem drohenden Todesurteil. Doch einmal für unzurechnungsfähig erklärt, beginnt für Fuchs nach Kriegsende ein fast aussichtsloser Kampf um seine Rehabilitierung, da die Behörden in der Demokratie an dem zu Unrechtszeiten gefassten Beschluss festhalten - ein ähnlicher Ausgangspunkt wie im "Hauptmann von Köpenick".

Zu Rühmanns liebenswürdig gespielten Filmrollen mit tieferer Bedeutung gehört auch die des jüdischen Handlungsreisenden Julius Löwenthal in Stanley Kramers Hollywood-Opus "Das Narrenschiff" ("Ship of Fools", 1964): Auf einem deutschen Frachter des Jahres 1933 hat sich Löwenthal Benachteiligungen und antisemitischer Anwürfe durch Mitpassagiere zu erwehren. Rühmanns Darstellung ist deshalb so bemerkenswert, weil er den Juden Löwenthal mit unendlicher Geduld und Nachsicht gegenüber seinen Peinigern spielt. Gerade jenes optimistische Warten auf ein baldiges Vorübergehen des Nazi-Spuks war es, das vielen Juden in Deutschland zum Verhängnis wurde. Rühmanns Filmsatz "In Deutschland leben eine Million Juden. Was wollen die denn mit uns machen? Uns etwa alle umbringen?" wird zur furchtbaren Vorahnung einer Katastrophe, die Löwenthal im Vertrauen auf eine Nation, "die Goethe, Beethoven und Bach hervorgebracht hat", nicht wahrhaben will.

Bereits zu Lebzeiten war Heinz Rühmann eine Legende. Gegen Ende seines Lebens suchte er insbesondere die Begegnung mit dem ostdeutschen Publikum, das sein Idol bis zum Fall der Mauer nur aus Film und Fernsehen kannte und nun erstmals leibhaftig erleben durfte. Dass der Abschied vom Menschen Heinz Rühmann von schmerzlicher Endgültigkeit ist, macht viele Menschen traurig. Zu viele Erinnerungen verbinden sich mit ihm und seinen Filmen. Diese tiefe Zuneigung für einen Schauspieler, der sein Publikum niemals kalt oder gleichgültig gelassen hat, wird die Erinnerung an Heinz Rühmann auch über seinen Tod hinaus lebendig erhalten.